Leseprobe 2 – Kader

Kader gehörte zu jenen Türken, die bereits in Deutschland geboren waren und so zwischen den Stühlen der verschiedenen Traditionen und Gewohnheiten saßen. Er hatte eine gemütliche, kleine Wohnung, die vor allem aus plüschigen Sperrmüllrelikten bestand. Unzählige Pflanzen wucherten an den Fenstern. Ihre Zahl wurde nur noch übertroffen von der der Bücher, die er im Laufe der Jahre angesammelt hatte. Die Namen der Autoren sagten Stephan nichts. Orhan Velis, Sait Faik, Yasar Kemal las er auf den Buckrücken. Irritiert sah er Kader an. Der lachte nur.
„Keinen von ihnen jemals gelesen?“, fragte er.
Stephan schüttelte den Kopf. „Muss man die kennen?“
„Yasar Kemal ist seit Jahren Anwärter auf den Nobelpreis, wart’s ab, irgendwann muss man vielleicht … Es gibt viele wirklich gute türkische Autoren. Ich glaube, bei uns ist literarisch im Moment mehr los als bei euch. Eure Autoren leben doch meist von den Lorbeeren vergangener Zeiten. Nicht von dem, was sie jetzt schreiben. Das ist bei uns anders. Wer bei uns schreibt, was Sache ist, der weiß, was er tut. Dem spürt man sein Engagement an. Wenn du willst, leih ich dir gerne etwas aus, dann kannst du es selbst feststellen.“
„Ich kann kein Türkisch“, erwiderte Stephan, und es war keine Ausrede. Mehr als einmal hatte er daran gedacht, sich zumindest Grundkenntnisse in dieser Sprache anzueignen, da er es leid war, seinen Gemüsehändler, seinen Friseur oder den Besitzer des Imbisses an der Ecke wie selbstverständlich auf Deutsch anzureden, ohne sich die Mühe zu machen, etwas von deren Sprache oder Lebensweise zu begreifen, gleichzeitig aber zu beobachten, dass diese, kam ein Landsmann herein, ganz in ihrer eigenen Kultur aufgingen.
Kader lachte. „Du glaubst nicht, wie viele Bücher es schon als Übersetzungen gibt.“ Mit diesen Worten zog er ein paar Bände aus dem Regal und legte sie vor Stephan auf den Fußboden, wo dieser mittlerweile saß. Stephan begann zu blättern, ließ seine Blicke über einzelne Sätze gleiten, verhakte sich im Text und fing an, ein paar Abschnitte zu lesen. Währenddessen holte Kader aus der Küche zwei Flaschen Bier und stellte sie auf den Boden.
Nach einer Weile blickte Stephan auf. Kader hatte sich ebenfalls ein Buch aus dem Regal gezogen und saß ihm gegenüber, die Beine angezogen, seinen Rücken an die Wand gelehnt, das offene Buch in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand.
„Hör mal“, sagte er, als er merkte, dass Stephan seine erste Lektüre beendet hatte, und fing an, ihm aus einem Gedichtband vorzulesen. Und indem er vorlas, begriff Stephan, warum Kader ihm auf der Straße geholfen hatte. Da war von Brüderlichkeit die Rede, von Freiheit, der Weisheit des Wassers. Philosophische, auch politische Gedanken von solcher Klarheit und Eindringlichkeit, dass Stephan sich fragte, warum ihm solche Texte kaum bekannt waren. Hier fand er plötzlich etwas wieder von jener Einheit aus Geist, Leib und Seele, jenem Einklang von Politik und Liebe, Romantik und analytischem Scharfsinn, die er an der latein- und südamerikanischen Literatur in ihrer besten Zeit so mochte, an Leuten wie Jara oder Neruda.
„Das ist schön“, sagte er. „Von wem war das?“ Kader zeigte ihm den Umschlag. Fasil Hüsnü Daglarca stand darauf.

©2012 Norbert Krüger. Das Ende der Leichtigkeit. Hassloch: Freunscht Media, 2012

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