Interview mit dem Autor

Worum geht es im “dritten Prinzip”?
NK: In erster Linie ist es ein Buch zum Thema Narzissmus und Selbsterkenntnis, aber auch – und das ist ja die offensichtliche Seite des Romans – um Vergewaltigung und ihre Folgen: Ein junger Filmkritiker verliebt sich in eine Frau und erfährt von ihr, dass es ihr nur mühsam gelingt, mit ihrer drei Jahre zurückliegenden Vergewaltigung umzugehen. Seine ganze, heile Welt bricht in diesem Augenblick zusammen und er beschließt, sich auf die Suche nach dem Täter zu machen.

Warum schreibt ausgerechnet ein Mann so ein Buch?
NK: Es existieren mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern von Frauen für Frauen, die sich mit dem Thema Vergewaltigung auseinander setzen. Bei meiner Suche nach Antworten merkte ich jedoch, dass so gut wie kein hilfreiches Material für Angehörige zu bekommen und nebenbei auch kaum etwas über die Position der Täter bekannt ist. Denn natürlich stellt sich irgendwann die Frage nach dem Warum.
Ich begegnete in relativ kurzer Zeit mehreren Frauen, die mir von persönlichen Erfahrungen mit sexueller Gewalt erzählten. Und ich wurde mir meiner völligen Unfähigkeit bewusst, adäquat auf sie und ihr Schicksal zu reagieren.
Viele Frauen, die mit einer zurückliegenden Vergewaltigung zu kämpfen haben, wünschen sich ja einen Partner, der ihre Empfindungen nachvollziehen kann. Mit diesem Roman wollte ich ein Buch schreiben, das so spannend ist, dass es auch Männer erreicht, die sonst eher Berührungsängste bei dem Thema haben, und die um Ratgeberliteratur einen großen Bogen machen. Meine Hoffnung war ein Buch, das betroffene Frauen ihren Männer schenken können, um ihnen zu verdeutlichen, was sie durchgemacht haben und durchmachen. Und das den Dialog nicht durch Schwarzweißmalerei verbaut.
Die Frage impliziert ja, Vergewaltigung sei ein “Frauenthema”. Aber ohne uns Männer gäbe es das Problem nicht. Darum scheint es mir enorm wichtig, dass wir uns auch damit auseinandersetzen.

Haben Sie Antworten gefunden?
NK: Nur bedingt. Die Ansätze, die Soziologen, Psychologen, Verhaltensforscher und Anthropologen zu dem Thema bieten, unterscheiden sich an vielen Punkten und sind kaum miteinander kompatibel. Für den Roman habe ich mich darauf beschränkt, zwei verschiedene Täterprofile gegeneinander zu stellen.
Für die drängendere Frage, der nach dem Umgang mit vergewaltigten Frauen, ist es noch schwieriger, allgemeingültige Antworten zu formulieren. Meine erste Vermutung, Frauen, denen so etwas angetan wird, müssten automatisch zu Männerhassern werden, hat sich nicht bestätigt. Wichtig für Männer, deren Partnerinnen vergewaltigt wurden, sind sicher die Fähigkeit, zuhören zu können und viel Geduld. Ein Trauma wie das durch eine Vergewaltigung ausgelöste braucht viele Jahre der Heilung. Mir ist aber deutlich geworden, dass jede Frau ihre ganz eigenen Strategien entwickelt, mit einem derartigen Erlebnis umzugehen. Von außen aufgedrückten Lösungen, um den “Heilungsprozess” zu forcieren, begegnen die betroffenen Frauen – zu Recht – mit Skepsis und Ablehnung.

Auch die Hauptfigur Stephan reagiert nicht besonders einfühlsam auf Suzanne …
NK: Stephan ist auch eher ein “Antiheld”. Hier kommt die zweite Ebene des Romans zum Tragen. Stephan erlebt die Vergewaltigung Suzannes als Angriff auf seine private, heile Welt. Dies ist gar nicht so selten. Viele Fälle von Selbstjustiz beruhen ja auf der Vorstellung, man könne die Gerechtigkeit in dieser Welt wieder herstellen, wenn man nur die Täter einer “gerechten” Strafe zuführt.
Dass es ihm bei seiner Reise nach Korfu mehr um sich als um Suzanne geht, wird im dritten Kapitel deutlich, wo sie ihn vor die Alternative stellt: entweder Korfu oder ich. Das Bedürfnis, seine eigene heile Welt zu retten, ist so groß, dass er dafür seine Beziehung zu opfern bereit ist.

Womit wir beim Thema Narzissmus angelangt wären?
NK: Ja. Jede gut erzählte Geschichte hat neben der Handlungsebene eine Substory, einen im Hintergrund liegenden doppelten Boden, der hilft, das Gelesene zu deuten. Dieser Background erst macht die Motivation der Protagonisten transparent. Im “dritten Prinzip” ging es mir darum zu zeigen, dass die vordergründige Zufriedenheit, in der wir leben, sehr oft einen hohen Preis hat.
Vielleicht bis auf Suzanne leben alle Protagonisten in einer Scheinwelt, auch wenn das auf den ersten Blick nicht unbedingt auffällt. Sie haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um sich nicht der Wirklichkeit stellen zu müssen. Aber das scheint mir ein normales Verhalten in dieser Gesellschaft zu sein.

Viele behaupten ja, Narzissmus sei ein neuer Sozialisationstypus.
NK: Da kommen wohl mehrere Punkte zusammen. Durch die zunehmende Informationsvernetzung werden wir darauf trainiert, schlechte Nachrichten schnell zu verdrängen. Unsere Psyche hat überhaupt nicht die Kapazität, mit all dem Negativen um uns herum sinnvoll umzugehen. In Großstädten führt das dahin, dass die Leute wegsehen, wenn Unrecht direkt vor ihrer Nase passiert. Es betrifft sie nicht mehr. Dass dabei die Seele Schaden nimmt, ist kein Wunder.
Auf der anderen Seite gibt es immer weniger ökonomische Notwendigkeiten, sich ernsthaft auf ein Gegenüber einzulassen. Die Gesellschaft vereinzelt und hebt dabei das eigene Ego auf den Thron, weil ein objektives Korrektiv immer weniger zugelassen wird.
Wenn ich also einen Roman vor dem Background des Narzissmus schreibe, so in erster Linie deshalb, weil ich glaube, hier liegt ein hohes Identifikationspotenzial für den Leser. Mir geht es nicht darum, ein spezielles Krankheitsbild zu diagnostizieren und zu benennen, sondern darum, den Schein der Gesundheit von unseren Abwehrstrategien zu nehmen, die Seele bloßzulegen. Das war von jeher Kern und Aufgabe der Literatur.

An manchen Stellen im Roman wechselt die Erzählperspektive unerwartet von der dritten in die erste Person. Steckt dahinter ein Bekenntnis zum eigenen Narzissmus?

NK: Den ersten Entwurf des Romans habe ich tatsächlich in der Ichform geschrieben, um mir den Zugang zu meinem Antihelden Stephan zu erleichtern. In einigen Textpassagen schattet diese erste Fassung noch durch.
Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, einen Roman zu schreiben, ohne sich völlig in die handelnden Personen hineinzuversetzen. Für mich war das eine der wichtigsten Erkenntnisse während des Arbeitsprozesses: je näher ich eine Person und ihre Geschichte kennenlerne, desto weniger bin ich in der Lage, ihr Verhalten zu verdammen. Das führt nicht dazu, ein Verbrechen gutzuheißen. Aber es bewahrt vor Selbstgerechtigkeit.

Aber steckt hinter den offensichtlichen Fehlern im Roman nicht auch ein schlampiges Lektorat?
NK: Das stimmt. Irgendwann tritt bei jedem Autoren eine Phase der Blindheit gegenüber seinem eigenen Text ein. In dieser Situation ist er auf einen guten Lektor angewiesen.
Mich hat das Vorwort von Oliver Goldsmith zu seinem Roman “The Vicar of Wakefield” getröstet. Ihm muss es ganz ähnlich gegangen sein, als er schrieb: “There are a hundred faults in this thing, and a hundred things might be said to prove them beauties: but it is needless. A book may be amusing with numerous errors, or it may be very dull without a single absurdity.” – Immerhin ist das Ergebnis ein Stück Weltliteratur geworden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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