aus: Norbert Krüger. Das dritte Prinzip. Hamburg, éditions ennka. 197 Seiten
(Textfassung der vollständig überarbeiteten 2. Auflage, die im Frühjahr 2012 auf den Markt kommen wird.)
Kapitel 1
1
In jenem Sommer auf Korfu hatte jemand die Lebensfreude aus Suzanne herausgerissen. Dessen war er sich sicher. Vor ihm lagen verschiedene Fotos von ihr und der Insel. Er betrachtete kurz den verspielten Schnappschuss ihrer nackten Füße im Sand. Gleich daneben lagen Bilder einer alten Kirche inmitten eines Olivenhains. Die Großaufnahme eines überfahrenen Hasen.
Stephan hatte die Fotografien auf seinem Wohnzimmertisch ausgebreitet, sorgsam drapiert zwischen einem vollen Aschenbecher und einem leeren Rotweinglas. Auf seine Bitte hin hatte Suzanne die Abzüge am vorigen Nachmittag mitgebracht, achtlos im Flur abgelegt und dann wieder mitzunehmen vergessen. Statt sich die Bilder gemeinsam anzusehen, waren sie an der Elbe spazieren gegangen. Suzanne machte sich nicht viel aus Fotos.
Ein paar Kinderbilder befanden sich darunter, sowie eine ganze Reihe Aufnahmen von ihr als Twen: Suzanne am Strand; Suzanne am Schreibtisch, rauchend zwischen Stapeln von Büchern; Suzanne in Großaufnahme. Immer wieder dieses abenteuerlustige, unendlich schöne Gesicht; die leuchtenden Augen, in denen sich das Leben spiegelte; der volle, rosige Mund, immer zu einem Lachen aufgelegt; das lange, braune Haar, mal straff zurückgekämmt, mal, wie auf dem Foto am Strand, vom Wind in alle Himmelsrichtungen zerzaust.
Und dann die anderen, jüngeren Bilder, diejenigen, die nach dem Griechenlandurlaub entstanden waren: das verschlossene Gesicht, die adrette, aber langweilige Kleidung. Suzanne mit fünfundzwanzig, mit achtundzwanzig, mit dreißig.
2
Kennengelernt hatte er sie auf einer Fahrt nach Paris. In der Avenue Junot am Montmartre hatte er sich eine kleine Wohnung gemietet, nicht besonders komfortabel, für seine Zwecke aber ausreichend: Ein Arbeitsraum und ein Schlafzimmer befanden sich darin; er stellte keine großen Ansprüche an das Dasein. Dank seiner selbstgenügsamen, zuweilen pragmatischen Lebensweise konnte er sich in Hamburg eine zweite Bleibe leisten, eine Genossenschaftswohnung in der Nähe des Fischmarkts, in der er schon als Philosophiestudent gehaust hatte, lange bevor er anfing, für verschiedene Zeitschriften zu arbeiten.
Suzanne hatte seine Telefonnummer von der Mitfahrzentrale erhalten. An einem Donnerstagabend im April rief sie bei ihm an. Sie wollte am nächsten Morgen möglichst früh nach Paris aufbrechen, eine Vorstellung, die ihm aufs Äußerste missfiel. Er war ein Nachtmensch, dem es nichts ausmachte, bis morgens um sieben über ein Manuskript gebeugt am Schreibtisch zu sitzen, daraufhin die Morgenröte mit einer Schale Milchkaffee zu begrüßen und sich ins Bett zu begeben. Treffen vor elf Uhr waren ihm ein Gräuel. Leute, die solche Termine vorschlugen ebenso.
Ihre Stimme am Telefon jedoch versöhnte ihn. Suzanne hatte einen leichten Akzent, der sie als Französin entlarvte. Sie sprach in einem ruhigen, fließenden Tonfall mit einem Anflug jener sympathischen Unsicherheit, die seinen Beschützerinstinkt aktivierte und ihn schließlich dazu brachte, sich für sieben Uhr morgens am Altonaer Bahnhof mit ihr zu verabreden.
An jenem Tag, als er sie zum ersten Mal sah, trug sie leicht verwaschene Jeans, dazu eine teuer wirkende brombeerfarbene Baumwollbluse und eine graublaue Weste. Vor allem aber trug sie ein halb eingefrorenes Ich-bin-ein-umgänglicher-Mensch-Lächeln, welches ihm von je her einen Schauer über den Rücken jagte. Ein Lächeln, zugleich fehlendes Selbstbewusstsein und gut gemeinte Kommunikationsbereitschaft plakativ ins Gesicht schreibend, sodass er für die Fahrt das Schlimmste befürchtete.
Diese Prognose schien sich zu bestätigen, als Suzanne, bald nachdem sie eingestiegen war, einen Smalltalk der unangenehmsten Art mit ihm begann. Sie wiederholte für ihn die Radionachrichten, erwähnte nebenbei die wichtigsten Ausstellungen, die in jenem Frühjahr in Paris zu sehen waren, gab eine kurze Wettervorhersage und erörterte schließlich eifrig die französische Lebenskunst.
Stephan brummelte eintönige Antworten, in der stillen Hoffnung, sie dadurch in ihrem Redefluss bremsen zu können. Diese Taktik verfehlte jedoch ihr Ziel: Er schien sie lediglich in ihrem Gefühl zu bestätigen, für eine lockere Unterhaltung sorgen zu müssen.
Allein, das Problem löste sich, als er hinter Bremen von der Autobahn abbog, um bis Nordhorn über die Bundesstraße zu fahren, damit den rechten Winkel abkürzend, in dem die A30 nach Holland auf die Nord-Süd-Trasse traf. Suzanne verstummte plötzlich, gab keinen Ton mehr von sich, sodass schlagartig das monotone Motorbrummen seines alten Renault Dauphines zum einzig vernehmbaren Geräusch im Wagen wurde. Kreidebleich und zur völligen Bewegungslosigkeit erstarrt klammerte sie sich an den Haltegriff.
Irritiert versuchte Stephan ihr munteres Geplapper der letzten Minuten zu rekapitulieren, konnte sich aber beim besten Willen nicht erklären, welche ihrer Ausführungen eine derart bedrückende Assoziation bei ihr ausgelöst haben mochte, dass es zu einem solchen Stimmungsumschwung kommen konnte.
„Wohin fährst du?“ fragte sie trocken.
Die Frage überraschte ihn. Seit er die Pariser Wohnung besaß, nahm Stephan für gewöhnlich dieselbe Strecke, die sich laut Landkarte als die kürzeste auszeichnete. Das Emsland, Geldern, Brabant und die Picardie waren ihm über die Jahre so vertraut geworden, dass er lange aufgehört hatte, noch einen Autoatlas mitzuführen.
Neugierig sah er Suzanne an. Sie schwitzte, versuchte aber, bewusst gleichgültig zu wirken, verzog keine Miene und schaute starr auf die an ihnen vorüberziehenden Kuhweiden. Ihr Atem ging schwer und ungleichmäßig. Erst jetzt begriff Stephan: Diese Veränderung hatte bei ihr genau in dem Augenblick eingesetzt, als er die Autobahn verließ.
Er erklärte seine Reiseroute.
„Hast du eine Karte?“, fragte sie.
Es klang nach einer Ausrede und war keineswegs dazu geeignet, in ihr neues Vertrauen zu wecken, aber Stephan musste zugeben, der Autoatlas schlummere friedlich auf seinem Schreibtisch in der Avenue Junot.
Beklommen, ohne ihn anzusehen, nickte sie und bat, in der nächsten Stadt kurz zu halten.
Die wenigen Minuten Fahrt entlang der Wiesen und Äcker bis zur Ortschaft zogen sich schier endlos hin. Durch den Lüftungsschacht drang der Gestank von Gülle und Kunstdünger. Ein Gewitter lag in der Luft.
Natürlich erfuhr sie in Ahlhorn, seine Reiseroute war nicht völlig abwegig und setzte sich wieder, eine konfuse Entschuldigung murmelnd, auf den Beifahrersitz.
Der bewölkte Himmel verdichtete sich zu einer schwarzen Unwetterfront, und kaum hatten sie die holländische Grenze passiert, fing es wie aus Eimern zu schütten an, ein Regen, der, während er auf das Wagendach aufschlug, ein bizarres Geräusch verursachte. Dicke Tropfen vereinten sich vor der Windschutzscheibe zu einem undurchsichtigen Film, der es unmöglich machte, auch nur zwanzig Meter vor ihnen fahrende Fahrzeuge zu erkennen. Die Landschaft verschwand hinter einem Gazeschleier aus herabdrängendem Wasser und selbst die Leitplanken schienen sich langsam aufzulösen. Inständig hoffte Stephan, die Reise möge sich aufgrund dieser offensichtliche Bosheit der Natur nicht noch zusätzlich in die Länge ziehen.
Die Straße war durch den plötzlich einsetzenden Regen spiegelglatt geworden. Suzanne schaute ihn an; er bemerkte es aus den Augenwinkeln, während er mühsam versuchte, nicht von der Fahrbahn abzukommen oder seinem Vordermann auf die Stoßstange zu setzen. Vielleicht ahnte sie, wie sehr er sich konzentrieren musste; durch ihre wachsende Unruhe jedoch machte sie deutlich, dass ihr irgendetwas auf dem Herzen lag.
Fünf Minuten waren nur das dumpfe Geprassel des Regens und das rachitische Aufkrächzen der überarbeiteten Scheibenwischer zu hören, wohltuend gleichförmige Geräusche. Es war warm im Wagen und mit der Zeit gewöhnte sich Stephan an die Fahrverhältnisse. Suzanne war weiterhin intensiv damit beschäftigt, ihn verlegen anzusehen. Jedes Mal jedoch, wenn er seinen Blick von der Straße auf sie richtete, heftete sie die Augen auf die Fahrbahn – ein Spiel, welches ihm zu einer anderen Zeit mit einem entspannteren Gegenüber eine gewisse Freude hätte bereiten können, unter den gegebenen Umständen allerdings nicht zur Verbesserung seiner Stimmung beitrug. Schließlich brach sie das Schweigen.
„Kann ich mir eine Zigarette anstecken?“
Ihre Bitte kam eigenartig hervorgepresst, ruckartig, sie stotterte, als habe sie sich den optimalen Wortlaut der Frage lange zurechtgelegt, und gerade dadurch ihre Nervosität soweit gesteigert, dass jegliche Normalität aus ihrer Stimme gewichen war.
„Hast du mich deswegen die ganze Zeit über gemustert?“
„Ich war mir nicht sicher, ob du nicht zu den militanten Nichtrauchern gehörst. Die sind mir nämlich zu anstrengend.“
Ihre Sorge war unbegründet. Zigaretten belustigten ihn eher, als dass sie ihn störten. Er war Pfeifenraucher und zog eine raffinierte Blend jedem dieser in seinen Augen albernen Siebeneinhalb-Minuten-Röllchen vor.
Während sie sich erleichtert eine Filterzigarette in den Mund steckte, grübelte er über die Unruhe nach, die sie auf der Bundesstraße befallen hatte.
„Sag mal: Ist dir schon einmal ein Typ beim Trampen dumm gekommen?“, fragte er in die Stille hinein.
Suzannes Gesicht lief rot an. Geistesabwesend zog sie an ihrer Zigarette.
„Einmal“, sagte sie zögernd. „Ich war damals neunzehn und habe noch auf dem Land gewohnt. An einem Freitagabend wollte ich zu Freunden nach Paris und habe mich an die Straße gestellt. Das ist bei uns in der Kleinstadt, wo jeder jeden kennt, normalerweise kein Problem. Gerade am Wochenende findet man da immer einen Lift in die Stadt. Ein Mittvierziger in Anzug und Krawatte, den ich in der Gegend noch nie gesehen hatte, nahm mich mit. Irgendwo auf halber Strecke, fernab jeglicher Zivilisation, hielt er plötzlich an und erklärte mir, dass ich es jetzt entweder mit ihm machen oder zu Fuß weitergehen könne. Ich war so verdutzt, dass ich zuerst gar nicht begriff, was der Kerl von mir wolle. Dann aber, als er mit seinem schmierigen Blick deutlicher wurde, bin ich ausgestiegen. Es hat Stunden gedauert, bis ich von dort wegkam. Damals habe ich mir geschworen, nie wieder per Daumen zu fahren.“
Er nickte. Lange schwiegen sie. Suzanne war mit ihren Erinnerungen beschäftigt und Stephan, der dies merkte, wagte nicht, sie mit weiteren Fragen zu behelligen.
Um die Stille zu übertönen, suchte er im Radio nach etwas Musik. Überall lief dieselbe eintönige Unterhaltungsberieselung. Endlich fand er einen Sender, der Oldies spielte, Screamin’ Jay Hawkins, Tom Waits und andere raukehlige Sänger, die ihn an durchzechte Nächte seiner Studentenzeit erinnerten.
Zunächst tat Suzanne, als interessiere sie nicht, was sie hörte. Gedankenverloren starrte sie aus dem Fenster. Plötzlich aber, die Doors empfahlen gerade, sich einen langen Urlaub zu gönnen und die Kinder spielen zu lassen, schaltete sie mit einer Entschlossenheit, die er ihr nie zugetraut hätte, das Radio ab.
Er sagte nichts dazu. Aus den Augenwinkeln schaute er sich einen Moment ihr Gesicht näher an. Es war recht hübsch, hatte regelmäßige, feine Züge, gekrönt von einer angestupsten Nase und braungrünen Augen. Ihr volles Haar hatte sie straff zu einem Knoten hochgesteckt, ihr langer Hals war von der Frühlingssonne leicht gebräunt. Sein Blick glitt weiter abwärts und für einen Moment war er mit seinem Schicksal versöhnt.
„Was hörst du denn normalerweise?“, wollte er wissen.
Sie kramte in ihrer Tasche und zog eine Kassette heraus.
„Funktioniert dein Tapedeck?“
Er nickte und steckte ihr Band in den Rekorder.
Bis sie Frankreichs Grenze erreichten, hatten sie ihr gesamtes Kassettenrepertoire einmal durchgehört. Stephan begriff, dass sie rigoros alles mochte, was neu auf dem Markt war und mindestens eine Platzierung unter den Top Ten hatte. Musik, die älter als fünf Jahre war, empfand sie als völlig unhörbar und über seine Stones-Aufnahmen, die er als eiserne Reserve mitgenommen hatte, konnte sie nur grinsen. Das ärgerte ihn, weil es genau der Sound war, den er beim Autofahren liebte.
So waren seine Gefühle recht gemischt, als sie spätabends auf der Pariser Ringautobahn ankamen. Auf ihre Bitte hin fuhr er sie zum Pont Neuf, Rive Gauche, wo er sie absetzte. Sie stellte ihr Gepäck auf den Bürgersteig und beugte sich noch einmal in den Wagen hinein, um sich zu verabschieden. Unsicher lächelnd streckte sie ihm ihre Hand entgegen, besann sich dann aber eines Besseren und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf beide Wangen. Verwirrt und ein wenig wehmütig sah er ihr nach, während sie den Quai überquerte und in der Rue Dauphine verschwand.
3
Der Wecker klingelte unverschämt früh am nächsten Morgen. Eine neue Arbeitswoche begann. Stephan kramte verschlafen eine Filtertüte aus dem Küchenregal. Mechanisch steckte er sie in den Filteraufsatz und nässte ihn unter dem Wasserhahn. Er zählte fünf Löffel Kaffee ab, und gab ein wenig Kakao hinzu. Eine Prise Zimt und ein paar Krümeln Salz rundeten die Komposition ab. Zufrieden goss er Wasser in die Kaffeemaschine, stellte sie an und ging einkaufen.
Sein erster Gang führte zum Bäcker, wo er ein noch warmes Baguette erstand. Von dort trottete er weiter zu seinem Lieblingskiosk, begrüßte Michel, dessen Besitzer, und kaufte einen Stapel Filmillustrierte, dazu den „Officiel des spectacles“, den „Canard Enchâiné“ und den „Figaro Littéraire“. So bepackt trat er den Rückweg an.
Im Briefkasten lagen mehrere Briefe. Das Elektrizitätswerk wollte seinen Zählerstand wissen und teilte ihm mit, ein Beamter habe schon mehrmals versucht, ihn anzutreffen. Eine kleine Fachzeitschrift fragte wegen eines 250-Zeilen-Essays über die Entwicklung Godards anlässlich dessen letzten Films „Allemagne Neuf Zéro“ an und einige Filmverleiher informierten über anstehende Pressepreviews. In jenem Jahr arbeitete Stephan bereits für verschiedene Filmzeitschriften, für die er die französische Filmszene beobachtete und kommentierte. Nebenbei tippte er an Romanfassungen derjenigen Filme, die sich in Paris als Kassenschlager erwiesen.
Er goss sich einen Kaffee in seine Bol und fing an, die Zeitschriften durchzublättern. Eric Rochant, der mit „Eine Welt ohne Mitleid“ einen beachtlichen Erfolg sowohl in Frankreich als auch in Deutschland erzielt hatte, brachte einen neuen Film heraus, „Entführung aus Liebe“, der gerade anlief. Die Kritiken waren geteilt und er hoffte für Rochant, dass der Film beim Publikum ankäme, denn er mochte dessen lakonischen Stil. So beschloss er, sich am Nachmittag ein eigenes Bild zu machen.
„Entführung aus Liebe“ lief in drei Kinos. Er entschied sich, zum „Action Christine“ unweit des Pont-Neuf zu gehen, einem versteckten, kleinen Kino in einer der ruhigeren Seitenstraßen des St. Germain, abseits der Touristenströme.
Der Film war sehenswert, wenn auch nicht so genial wie die „Welt ohne Mitleid“. Stephan dachte daran, dass es ihm schon bei Rochants ersten Film nicht gelungen war, den deutschen Verlag von den Verkaufschancen einer Romanfassung zu überzeugen, obwohl der Film sich in Frankreich als Kassenhit entpuppt hatte und der Vorlauf dank der langen Synchronisationsdauer mehr als ausreichend war. Trotzdem wollte er es auf einen Versuch ankommen lassen und nahm sich vor, den Abend für diesen Plan zu verwenden.
Gemächlich ging er hinauf zur Rue des Grands Augustins. Hier, in der Nummer 7, hatte Picasso ab 1937 gelebt, hier war seine berühmte „Guernica“ entstanden. Einer plötzlichen Laune folgend wandte Stephan sich dem Herzen des Viertels zu.
Er war erst ein paar Schritte gegangen, als er vor sich eine Frau mit langen braunen, im Knoten zusammengesteckten Haaren bemerkte, die in etwa Suzannes Statur hatte. Für einen Moment war er unsicher, wie er reagieren sollte; er wollte sie ansprechen, aber ihm fiel nichts ein, was er hätte sagen können.
Sie wäre nicht argwöhnisch geworden. Alle Welt traf sich in St. Germain, die Läden hatten Sonderkonditionen für das gesamte Wochenende, die Cafés bis tief in die Nacht geöffnet. Kleinkünstler bevölkerten die Plätze und verdienten sich ihr Taschengeld. Und doch war ihm nicht klar, wie er ihr seine Anwesenheit hätte erklären können. Was hatte ihn ausgerechnet in dieses Viertel gezogen, in dem er sie am Abend zuvor abgesetzt?
Zögernd folgte er ihr, immer den Abstand von einigen Metern haltend, bemüht, sie zwischen all den herumbummelnden Urlaubern nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hatte einen schnellen, energischen Gang, der ihm gefiel. Gerade als er sich entschloss, sie anzusprechen, blieb sie vor dem Schaufenster einer Boutique stehen, so dass er ihr Profil sehen konnte. Sie besaß ein attraktives Gesicht, aber es war nicht Suzannes.
So beschloss er, sich am Boulevard St. Michel in ein Café zu setzen, um den Film noch ein wenig nachwirken zu lassen und suchte sich einen kleinen Tisch im Freien. Von dort aus beobachtete er, genüsslich einen Café crème trinkend, die Menschen, die eilig an ihm vorüberzogen.
Es war trotz der späten Stunde angenehm warm für diese Jahreszeit. Die Leute trugen leichte Kleidung, T-Shirts, ärmellose Hemden, kurze Röcke. Sie zeigten sich und er überlegte, wie wohl Suzanne in T-Shirt und kurzem Kleid aussähe. Oder wie ihr offenes Haar stände.
Gegen Abend – er hatte eine ganze Weile in dem Café gesessen, sich eine Pfeife gestopft und mit den Augen die Menge abgesucht, dann aber die Sinnlosigkeit dieses Unternehmens begriffen und gezahlt – beobachtete er eine junge Frau, die offenbar von einem zudringlichen Verehrer belästigt wurde. Nachdem sie diesen mehrmals höflich, aber bestimmt abgewiesen hatte, packte sie ihn und warf den Verdutzten mit einem Schultergriff zu Boden. Stephan begab sich schmunzelnd auf den Weg nach Hause.
Er telefonierte mit Halpern, einem Mitarbeiter von „Le Monde“, der ihm gelegentlich mit Material aus deren Archiv aushalf. Wenn Stephan in Paris war, gingen die beiden oft gemeinsam einen trinken. Es tat ihm gut, mit Halpern in den Bistros zu versacken, von einer Bar zur nächsten ziehend bis in den Morgen hinein über Liebe und Tod zu philosophieren und sich, wenn auch die letzten Ladenbesitzer ihre Stühle auf die Tische stellten, an den Kantstein irgendeines Bürgersteiges zu setzen und den grüngekleideten Müllmännern bei der Arbeit zuzusehen.
Später machte er sich daran, noch einmal sämtliche Filmzeitschriften, die er am Morgen gekauft hatte, nach Rezensionen zu Rochants Film¬¬¬¬¬¬ zu durchsuchen und die wichtigsten davon für seinen Verlag zu übersetzen. Bis nach Sonnenaufgang saß er an seiner Schreibmaschine und ließ die Finger über die Tasten tanzen.
Eigentlich war es eine simple Liebesgeschichte, ähnlich der „Welt ohne Mitleid“: Ein junger Mann möchte seiner in einiger Entfernung lebenden Freundin ein Zeichen seiner Liebe geben und fährt sie besuchen, – mangels Geld entführt er zu diesem Zweck einen Schulbus. Zwar gelingt ihm sein Vorhaben, doch ist die Freundin nicht in der Lage, mit seinem eigentümlichen Liebesbeweis umzugehen: Der Film endet im Desaster.
Einige Besprechungen vermittelten den Eindruck, Rochant habe sich an einem Geiseldrama versucht. Mit dieser Erwartungshaltung jedoch war ein Verriss vorprogrammiert. Denn Rochant ging es nicht um Action, sondern um ein fein gesponnenes Psychogramm seines sympathischen Antihelden.
Die Sonne brannte bereits von Süden her in sein Fenster, als er wieder erwachte. Nachdem er gefrühstückt hatte, ging er hinunter zur Seine. Einige Bouquinisten hatten ihre Bretterbuden geöffnet und er durchstöberte ihre Kästen nach brauchbarer Literatur.
Er fand eine Monografie, die ihn interessierte, als ihm flussabwärts eine Gestalt auffiel, die ebenfalls in einer der Kisten stöberte. Wieder war es ihr braunes, im Knoten zusammengestecktes Haar, welches ihn an Suzanne denken ließ. Er ging ein paar Schritte auf sie zu und sah, es handelte sich diesmal tatsächlich um seine Mitfahrerin. Vorsichtig lehnte er sich an die Brüstung des Quais und tat, als läse er.
Suzanne ging in seine Richtung, sah ihn, zögerte, schritt aber an ihm vorbei. Er blickte auf. Jetzt war es an ihm.
„Suzanne?“, rief er halb fragend hinter ihr her.
Sie drehte sich um und lächelte verlegen. Auf seine Frage, wie es ihr gehe, erzählte sie von einer Fotoausstellung im Centre Pompidou, die sie gerade besucht hatte, und dem Sektfrühstück mit einem ehemaligen Kommilitonen. Aus Freude über ihr zufälliges Wiedersehen lud Stephan sie in eines der unzähligen Straßencafés ein. Sie setzten sich, ohne lange zu suchen, von der Seine nur durch den stark befahrene Quai des Grands Augustins getrennt.
Stephan hatte von Anfang an den Verdacht, Suzanne bereite sich durch Zeitungslektüre und Ähnliches systematisch auf Kontakte mit anderen Menschen vor. Fehlte diese Vorbereitungszeit, waren die wenigen Novitäten, die als Konversationsstoff herhalten mussten, schnell verbraucht. In einer solchen Situation befanden sie sich jetzt. Ihm war es recht, Smalltalk lag ihm nicht. Eine Weile saßen sie herum, wussten nicht, wohin mit ihren Augen und lachten sich verlegen an.
Schließlich fragte er, wie lange sie vorhabe, in Paris zu bleiben. Sie hatte es ihm bereits auf der Hinfahrt erzählt, er jedoch hatte nicht zugehört, was ihm nun, da er sich seiner Sympathie für sie bewusst geworden war, leidtat. Er hätte sich gern in einer freien Stunde noch einmal mit ihr an einem ruhigeren Ort getroffen, erfuhr nun aber, sie wolle schon in den nächsten Tagen zurück nach Deutschland.
So machte er den Vorschlag, sich in Hamburg wiederzusehen und bat um ihre Adresse. Sie war einverstanden und kritzelte etwas auf einen Zettel, den sie ihm über den Tisch zuschob. Es war eine Telefonnummer, nicht mehr.
Ein unbestimmtes Lächeln glitt über ihr Gesicht.
„Ich freue mich drauf“, sagte sie und entschwand.
4
Stephan blieb noch vierzehn Tage in Paris, sah sich einige Previews an und arbeitete meist bis spät in die Nacht. Die interessantesten Filme jenes Frühjahrs waren Literaturverfilmungen. Zwar hatte sein Hausverlag keine Skrupel, trotzdem ein ‘Buch zum Film’ herauszubringen, in dem neben Szenenfotos die Filmhandlung nach der Drehbuchversion zu finden war, doch interessierte es ihn nicht, solche Arbeiten zu übernehmen. Wozu ein Buch schreiben, das jemand, der wesentlich talentierter war als er, schon längst geschrieben hatte?
Mit seinen Manuskripten im Gepäck fuhr er zurück nach Hamburg, um sich mit den Chefredakteuren und Feuilletonleitern über deren Bedarfe zu verständigen.
Schon nach wenigen Tagen bekam er Lust, Suzanne zu sehen. Er suchte in seinen Notizen nach dem Zettel, den sie ihm gegeben hatte. Das Papier jedoch war nirgendwo zu finden, weder in seinem Portemonnaie, noch zwischen den Stapeln auf seinem Schreibtisch, und erst recht nicht in seinem Adressbuch. Schließlich fand er es in einer Hemdentasche im Wäschekorb und rief sie an. Sie freute sich, von ihm zu hören, doch zu seinem Ärger war es, unabhängig vom Wochentag, völlig unmöglich, sich mit ihr für den späten Nachmittag oder gar den Abend zu verabreden. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen davon, zu welchen Zeiten ein Rendezvous mit ihr möglich wäre. Am besten eignete sich ihrer Meinung nach der Vormittag, was ihm gar nicht gefiel.
Suzanne war zu bestimmt in diesem Punkt, als dass es ein großes Ringen um den Termin gegeben hätte. Wieder schimmerte diese andere Seite ihrer Persönlichkeit durch, die ihn auf der Fahrt nach Paris so überrascht hatte, die selbstbewusste, entschlossen auftretende Frau, die mit einer ungeahnt resoluten Sicherheit sein Autoradio ausgeschaltet hatte, ohne nach seiner Meinung zu fragen.
Sie einigten sich darauf, dass er sie am späten Vormittag von der Uni abhole, um dann gemeinsam mit ihr irgendwo Essen zu gehen – für ihn eine Möglichkeit, das Frühstück nachzuholen, für sie, ihre Mittagspause sinnvoll zu nutzen.
Nicht ihr knapper schwarzer Lederrock oder ihre Flickenjacke verblüfften ihn bei dieser ersten Begegnung in Hamburg am meisten, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der Suzanne den Weg zur Mensa einschlug, während er im Kopf noch die Vorteile des Arkadaschs mit denen des Schweijks verglich. Stephan liebte unberechenbare Menschen, und Suzanne schien immer wieder für eine Überraschung gut zu sein. Sie war alles andere als langweilig. Bis zu jenem Punkt, wo es um persönliche Belange ging.
Wieder erlebte er dieselbe Szene wie am Quai in Paris. Suzannes Antworten wurden zusehends einsilbiger, sie verschloss sich und es machte sie sichtlich nervös, etwas von sich geben zu müssen. Da sie die oberflächlichen Informationen schon früher ausgetauscht hatten, konnten sie damit kaum ein zweites Treffen bestreiten, und er merkte, dass sie sich auf Themen, die sie ein wenig tiefer berührten, nur ungern einließ. So begannen sie, sich über Filme zu unterhalten, die sie beide gesehen hatten, über Bücher und Künstler. Sie fanden eine Ebene, die zwar intime Gefühle weitgehend ausklammerte, dennoch viel der eigenen Vorlieben vermittelte.
Sie verabredeten sich im Planetarium, der Kunsthalle und zahlreichen Parks, spazierten zusammen entlang des Elbe-Lübeck-Kanals und schlenderten durch den Sachsenwald. Immer wieder schlug Stephan vor, sich auch zu Hause zu treffen, doch stieß er damit bei Suzanne auf taube Ohren. Ohne ihm näher zu erklären, warum, lehnte sie es entschieden ab, ihn in ihr Domizil zu lassen oder das seine zu betreten.
Er war es nicht gewohnt, sein Leben derart in der Öffentlichkeit zu verbringen. Noch weniger, gegen Ende des Monats fortwährend nachrechnen zu müssen, ob er sich ein Treffen mit einer Frau noch leisten könne. Aber er hatte sich in den Kopf gesetzt, Suzanne sei es wert, einen etwas längeren Atem zu behalten.
So dauerte es bis zum Herbst, bis Suzanne sich endlich darauf einließ, einen Fuß in seine Wohnung zu setzen. Er hatte ihr wiederholt erzählt, er lebe in der Nähe des Hafens und kenne sich in der Gegend recht gut aus. Jetzt erst fragte sie ihn, ob er nicht Lust habe, ihr ein paar der weniger touristisch erschlossene Ecken zu zeigen.
Sie versprach, ihn von zu Hause abzuholen, um von da aus mit ihm zur Elbe zu gehen. Er hatte vor, eine jener Routen zu nehmen, auf der er sich während seiner Studienzeit des Öfteren als Fremdenführer betätigt hatte und die er dementsprechend gut kannte.
Als sie kam, hatte sie einen Leinenbeutel mitgebracht, den sie ihm schon an der Tür überreichte. Ohne Stephan eines weiteren Blickes zu würdigen, ging sie an ihm vorbei in die Wohnung und schaute sich um.
„Nett hast du’s hier. Ein bisschen viel Chaos vielleicht.“
Er ignorierte diese Anspielung auf seinen ungeordneten Junggesellenhaushalt und untersuchte statt dessen den Beutel. Zwei Fotoalben und eine Reihe von Fototaschen befanden sich darin.
„Sind die von dir?“
„Glaubst du, ich habe dir Filmfotos von Maria de Medeiros besorgt? In ihrer Rolle als Anaïs Nin?“
Er wollte einen der Umschläge aus dem Beutel nehmen, doch sie fuhr dazwischen.
„Ich dachte, wir wollen spazieren gehen.“
Geschickt entwand sie ihm den Beutel und legte ihn auf die Flurkommode. Dann griff sie seine Hand, zum ersten Mal überhaupt, und zog ihn zur Eingangstür.
„Darf ich mir vielleicht vorher was überziehen?“, fragte er sie.
Sie lachte fröhlich.
Schon an der Haustür, noch bevor sie die Elbe sahen, konnten sie das unverkennbare Gemenge von Wasser und Öl riechen, das von der Begegnung mit unzähligen Städten und Ortschaften erzählte, vom Riesengebirge und der Tschechoslowakei, vor allem aber vom Meer, das bei Flut in einem orgiastischen Anfall sein Wasser bis hier hinauf stieß.
Die Straße abwärts warf die Sonne ihr warmes Licht gegen die Stufengiebel der alten Patrizierhäuser. Jenseits der Elbe erhob sich die Schiffswerft Blohm und Voss mit ihren roten Backsteinbauten. Unwillkürlich blieben sie stehen, um all das in sich aufzunehmen, bevor sie sich auf den Weg zum Fischmarkt machten.
Stephan kletterte auf ein Geländer, das die Betrunkenen am Kai davon abhalten sollte, in die Elbe zu fallen, und begann, gespielt unsicher wie ein Zirkusclown, darauf zu balancieren. Suzanne dachte nicht daran, ihm eine Hand zu reichen, sondern begnügte sich damit, das Schauspiel aus einiger Entfernung argwöhnisch zu betrachten.
„Bist du sicher, dass du gut genug schwimmen kannst?“, rief sie ihm zu.
Ein letztes Mal schwankte er mit weit ausgestreckten, rudernden Armen und sprang – machte seinen Abgang zur richtigen Seite, auf das Kopfsteinpflaster. Vielleicht hätte er in die Elbe springen sollen, dachte er.
„Komm!“
„Wohin?“, fragte sie.
„Ich will dir den Hafen zeigen.“
Sie gingen die Köhlbrandtreppe hinauf, eine pathetisch an den Elbhang gesetzte Backsteintreppe gegenüber der Einmündung des Köhlbrand in die Elbe, mit spielerisch verzierten schmiedeeisernen Geländern und ebensolchen Gaslampen, eine Treppe, die früher den Arbeitern als Heimweg diente.
Sie setzten sich auf eine Bank und beobachteten das Treiben auf der Elbe: Ein kleiner Hafenschlepper bugsierte ein Containerschiff in die tiefe Fahrrinne, eine vorwitzige Linienbarkasse hüpfte über die Wellen, daneben schaukelte ein kleines grünes Schnellboot des Zolls im Strom und eine leere Schute pflügte sich ihren Weg in eins der unzähligen Hafenbecken.
Das Licht brach sich in den nie zur Ruhe kommenden Wellen, die Elbe verwandelte die auftreffenden Sonnenstrahlen in Silberkaskaden und Stephan überkam eine unbändige Lust, Suzanne in den Arm zu nehmen. Sie ließ es mit sich geschehen, als habe sie schon lange damit gerechnet, und doch merkte er, es wäre ihr lieber gewesen, er hätte es nicht getan.
Er fuhr mit der Nase durch ihr Haar, sie drehte ihren Kopf weg.
„Du machst dir was vor“, sagte sie.
Er zuckte seufzend mit den Schultern. Eine Weile schwieg er, dann deutete er mit dem Zeigefinger den Hang hinunter zur „Großen Elbstraße“:
„Das da unten ist die berühmte ‘Straße der Heringe’, so hieß sie wenigstens früher, wegen der Fischmanufakturen. Hitler wollte hier eine Art Elb-Manhatten hochziehen, riesige Wolkenkratzer, Prunkbauten für seinen Partei- und Verwaltungsstab. Gott sei Dank hatte er im Krieg selbst nicht mehr die Mittel zur Verfügung, um den Plan durchzusetzen.
Dort drüben, der dicke Flussarm, das ist der Köhlbrand. Die Brücke da gehörte Anfang der Siebziger zu den heißdiskutierten Bauprojekten der Stadt. Da hinten links, wo sie runterkommt, befand sich früher ein uriges Arbeiterviertel. Die Brücke wurde einfach in 52 Meter Höhe über die Wohnhäuser rübergebaut. Die Struktur des Viertels brach vollständig zusammen.“
Suzanne schaute ihn ernst an.
„Ich wollte, dass du mir ein paar schöne Ecken zeigst, nicht, dass du für mich den Fremdenführer spielst.“
Er schwieg überrascht. Eine Weile grollte sie vor sich hin, ganz in ihre eigenen Gedanken versunken, zu denen er keinen Zugang hatte.
Sie gingen weiter zum Donnerspark. Stephan hielt sich oft dort oben auf, wo er von einer kleinen Aussichtsplattform bei schönem Wetter bis zu den bewaldeten Höhen der Harburger Berge jenseits der Elbe sehen konnte. An jener Stelle des Höhenwegs waren Villen errichtet, großzügig geplante Gebäude mit breiten Fensterfronten in Richtung Wasser.
Manchmal betrachtete er sehnsüchtig das Mobiliar der Wohnungen durch die Scheiben und fragte sich, ob er wohl jemals in der Lage sein würde, eine derartige Einrichtung zu finanzieren. Bilder aus Filmen stiegen in ihm auf: Lofts, geräumige Atelierwohnungen, Zimmerfluchten. Er schämte sich ein wenig, noch immer nicht seinen Platz innerhalb der nur am Erfolg orientierten Gesellschaft gefunden zu haben.
Auf der anderen Seite, am Fluss, lagen die aus übereinandergeschichteten Containern bestehenden Wohnschiffe der Asylbewerber, die von den Häusern dort oben aus nicht zu sehen waren. Zu groß waren die Gärten, zu dicht bewachsen der Hang.
Ein paar kleine Albaner spielten vor dem Anleger Fangen.
Sie gingen durch den Rosengarten, der inzwischen fast verblüht war, hinunter nach Övelgönne, zum Museumshafen mit seinen alten Schiffen und weiter den Strandweg entlang zur „Kajüte“, einem kleinen Café, ein wenig über den Strand gebaut, von dem aus sie das Ufer mit seinen zahllosen Spaziergängern überblicken konnten. An einem der großen Fenster ließen sie sich nieder, der Lärm des gegenüberliegenden Hafens und des Elbufers unter ihnen drang nur leise gedämpft durch die Scheiben, es war warm und gemütlich.
„Woran denkst du?“, fragte er sie.
Sie schüttelte den Kopf. „An nichts. Und du?“
„An die Villen, an denen wir vorhin vorbeigekommen sind.“
„Was ist mit ihnen?“
„Manchmal sehne ich mich danach, in so einem Kasten zu wohnen und genug Geld zu haben, um all das tun zu können, worauf ich Lust habe. Kennst du das Gefühl?“
„Ich habe früher in so einem Haus gelebt. Das ist nicht immer lustig.“
Lange sahen sie dem Treiben am Strand zu, ohne zu reden, nur gelegentlich an Irish Coffee und Schokolade nippend, während draußen die Sonne tiefer sank.
Plötzlich fing Suzanne an zu zittern, zunächst ganz leicht, dann aber immer heftiger. Stephan setzte sich auf den Stuhl neben sie und legte seinen Arm auf ihre Schulter.
„Was hast du?“
Wieder schüttelte sie nur den Kopf.
„Halt mich einfach einen Moment fest, ja?“
So saßen sie eine Weile zusammen. Stephan hielt sie in seinen Armen, ohne zu wissen, was diesen Ausbruch ausgelöst haben mochte. Irgendwann schaute Suzanne auf ihre Armbanduhr. Es war spät geworden.
„Lass uns gehen“, meinte sie.
Der Weg an den alten Fischerhäusern entlang lag in leichtem Dämmerlicht. Nur wenige Leute waren jetzt unterwegs. Er brachte Suzanne zum Bus, der am Museumshafen hielt. Sie verabredeten sich für den Samstagabend bei ihm. Es war Suzanne, die diesen Vorschlag machte.
5
Er hatte seine Wohnung aufgeräumt, sämtliche Papierstapel, die zu sortieren er keine Zeit mehr gehabt, im Wäschekorb verstaut, mit einem neu erstandenen Mob die Staubflocken vom Holzfußboden in den Hinterhof befördert und dann in der Küche eine seiner im Freundeskreis berühmten Lasagnen gebacken. Er hatte für guten Wein gesorgt und das Bett frisch bezogen. Er hatte so ziemlich alles erledigt, was zur Vorbereitung eines gemütlichen Abends seiner Ansicht nach notwendig war.
Gegen zwanzig Uhr klingelte es an der Tür. Er war gerade damit beschäftigt, sich den Rest des Nudelteigs von den Fingern zu spülen, wischte kurzerhand seine Hände am Handtuch sauber und beförderte dieses, nachdem er es einen Moment nachdenklich begutachtet hatte, zu den Papieren in den Wäschekorb.
Suzanne trug ihr langes Haar offen, was dem Gesicht jegliche Strenge nahm. Ihm fiel nichts ein, was seine Überraschung adäquat hätte ausdrücken können.
Sie lächelte ihn an und überreichte ihm eine in Geschenkpapier eingewickelte Kassette. Stephan war überzeugt, sie habe sich bei der Auswahl ihres Mitbringsels von ihrem eigenen Musikgeschmack leiten lassen und mit diesem Geschenk gesichert, nicht den ganze Abend Oldies hören zu müssen. Aber auch in diesem Punkt überraschte sie ihn: In dem Papier befand sich eine alte Aufnahme französischer Chansons.
„Weil du doch alles Vergangene liebst“, sagte Suzanne. Ihre Augen funkelten lustig.
Sie hatte Wein mitgebracht, einen Weißwein, der zwar nicht zum Essen passte, den er aber trotzdem wie ein Kenner kostete und für sein Bouquet lobte. Schon beim ersten Glas gestand sie ihm mit leicht gerötetem Gesicht, sie vertrage eigentlich Wein überhaupt nicht und er verstand spätestens, als sie auch gegen Ende der Flasche noch kräftig mithielt.
Dass sie gesprächig wurde wie nie zuvor, dürfte den Grund in jenem Alkoholkonsum gehabt haben. Sie fing an, von ihrer Kindheit in Étampes zu berichten, einem kleinen Ort zwischen Paris und Orléans. Ihr Vater war Chef einer Konservenfabrik, während ihre Mutter für den Haushalt sorgte. Sie hatte eine Schwester, vier Jahre jünger als sie selbst, was sie damals, als sie geboren wurde, ziemlich störte, woran sie sich aber schnell gewöhnte. Ihr Vater kam abends erst spät nach Hause, sodass sie von ihm nicht viel mitbekam. Früh brachte ihre Mutter sie dazu, im Haus Verantwortung zu übernehmen und unter anderem auf ihre kleine Schwester aufzupassen.
Bald hatte sie gelernt, sich Freiräume zu schaffen, sodass ihre Mutter, die weitgehend allein für ihre Erziehung sorgen musste, häufig überfordert war. Aber Suzanne brauchte ein Gegengewicht zur verantwortungsgeladenen Enge ihres Zuhauses und schaffte es sich.
„Erzähl mir von deiner ersten großen Liebe“, bat Stephan.
„Das war Claude. Ich war gerade 15. Er war süß. Ich lernte ihn auf einer Fete kennen, auf die ihn ein Freund mitgebracht hatte. Er wohnte in Maisse, etwa 17 km von uns entfernt. Wir trafen uns bald jeden Tag nach der Schule in einem Café. Zu Hause ging nicht, weil da Maman war – und Vanessa, meine Schwester.
Nein, geschlafen haben wir nicht miteinander. Irgendwie ist das in der Kleinstadt auch noch etwas anderes als in Paris. Außerdem war ich zu jener Zeit noch ziemlich religiös, lach’ nicht. Meine Eltern nahmen mich schon früh mit zu einer kleinen evangelikalen Gemeinde in der Stadt. Eine Zeit lang habe ich geglaubt, dort das gefunden zu haben, wonach man sich eben sehnt, wenn man erwachsen wird. Ideale, Ideen, eine Gemeinschaft mit ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl. Gott wurde so eine Art Ersatzpapa für mich, der immer da war, mit dem ich sprechen konnte, wenn ich traurig war und der Zeit für mich hatte.
Ich habe dann gemerkt, dass es ein riesengroßer Unterschied war, von Gott zu reden oder zu versuchen, diese Ideale zu leben. Die meisten Gemeindeglieder haben mich diesbezüglich schnell enttäuscht. Aber ich konnte diese Vorstellung nicht aushalten, dass da plötzlich niemand mehr sein sollte. Vielleicht war es Angst vor dem Alleinsein, die mich lange hat dabei bleiben lassen. Gebrochen mit Gott habe ich eigentlich erst auf Korfu, als … – Ich konnte nicht begreifen, warum Gott so etwas zuließ. Ich hatte ihn mir immer als übergroßes Schutzschild vorgestellt, als jemanden, der auf mich aufpasst und mich behütet. Damals habe ich begriffen, dass, wenn es einen Gott gibt, er ziemlich machtlos sein muss in dieser Welt.“
„Was passierte auf Korfu?“
Suzanne schüttelte den Kopf:
„Vielleicht später einmal … Weißt du, man ist allein, sobald man eine Tür hinter sich zuschließt. Diese Angst, niemanden zu haben, die kommt schnell. Maman war zwar lieb, aber völlig unselbstständig. Was ich ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, wusste mein Vater schon am nächsten Morgen, oft auch andere Menschen, mit denen sie sich besprach, den Leuten aus der Gemeinde zum Beispiel. Deswegen war sie nie eine große Vertraute für mich.
Na ja, ich bin dann auf die Uni gegangen, mit 19. Mit Claude war da schon längst Schluss, irgendeine dumme Eifersuchtsgeschichte, die mir heute leidtut. Aber Claude war eine Jugendliebe, die sich sowieso nicht hätte in die Zukunft retten lassen. Es musste wohl irgendwann so kommen.
In Paris habe ich Sprachen studiert. Deutsch. Englisch. Spanisch. Ich wollte unbedingt die Welt kennenlernen und hatte die Vorstellung, so besser an die Menschen heranzukommen. Aus dem gleichen Grund habe ich es auch ein paar Semester lang mit Psychologie probiert.
Zuerst wohnte ich noch zu Hause und fuhr jeden Morgen mit der Bahn in die Stadt. Später nahm ich mir ein Zimmer zur Untermiete im fünften Arrondissement, bei einem Professor und seiner Freundin.“
„Einem Prof’ von deinem Fachbereich?“
„Nein, das hätte nur Komplikationen gegeben. Ich mag mit den Leuten, von denen ich abhängig bin, nicht zu dicht zusammenleben.
Mit ein paar Kommilitonen brachten wir eine Fachbereichszeitung heraus. Wir waren sehr engagiert. Nicht, dass ich besonders politisch gewesen wäre zu jener Zeit, aber in mir gab es noch diese Ideale von Wahrheit, Rechtschaffenheit und fairem Verhalten, die ich auch am Fachbereich durchsetzen wollte. Und so waren wir bald die zentralen Personen bei uns, die jeder kannte, und zu denen jeder kam.
Es war eine schöne Zeit. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen und brüteten unsere Ideen aus, das Zimmer völlig in Zigarettenrauch gehüllt, neben uns die leeren Bierflaschen und auf dem Tisch die neusten Entwürfe für die Zeitung, bald auch Reformvorschläge für den Fachbereich …“
Es wurde spät, dann früh, Suzanne merkte, dass die letzte Bahn weg sei, und erweckte nicht den Eindruck, als wolle sie von Stephan auf die Existenz von Nachtbussen aufmerksam gemacht werden. Draußen hatte es zu regnen begonnen. Er bot ihr einen Platz in seinem breiten Bett. Sie nahm dankend an.
Bis zu jenem Zeitpunkt verlief der Abend wie viele andere, die er mit diversen Frauen verbracht hatte und er machte sich keine allzu großen Gedanken über die Frage, warum nach den ewig gleichen Rollen Menschen in immer neuen Besetzungen gemeinsam den Weg ins Bett fanden.
Auch dass Suzanne ihm mit Rehaugen und schräg gelegtem Kopf wenig später erklärte, man müsse ja nicht unbedingt miteinander schlafen, irritierte ihn nicht übermäßig. Es war ihm ganz recht, wenn bei einer gemeinsamen Nacht der Koitus nicht zum Pflichtprogramm wurde, der möglichst in der ersten Viertelstunde zu absolvieren sei. Er hatte genug dieser Konventionsübungen hinter sich, die allein dem Zweck dienten, den als notwendig erachteten Teil der Begegnung abzuhaken, um in entspannter Atmosphäre das zu tun, worauf man Lust hatte.
Während er unter der Dusche stand, steckte Suzanne die Kassette, die sie ihm mitgebracht hatte, in den Rekorder und zog sich ins Bett zurück. Er fand Hemd, Hose und Strümpfe, die sie säuberlich über eine Stuhllehne gebreitet hatte, und bemerkte, dass sie ihre Unterwäsche noch am Leibe trug. Leicht verwundert legte er sein Badehandtuch neben ihre Sachen, sah sie aufmunternd an und kroch zu ihr unter die Decke. In derselben Sekunde verlöschte das Licht, sie hatte den Schalter im Bücherregal ausfindig gemacht.
Damit entfiel die visuelle Entdeckungsreise durch die neu eroberten Regionen. Ein deutliches Zeichen, das er akzeptierte. Nicht ganz so eindeutig fand er es, dass sie ihre Arme um ihn schlang, ihren Kopf in seine Brust grub und durch ein entspanntes Seufzen zu verstehen gab, dass sie gerne bereit wäre, in dieser Haltung bis zum Frühstück zu verharren. Die Geste wirkte im ersten Augenblick sehr romantisch, doch konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr eigentlicher Sinn darin lag, seine Arme und Hände aktionsunfähig zu machen. Er ergab sich in sein Schicksal und hoffte inständig, ihr selbst werde diese Position im Laufe der Nacht zu unbequem.
Aus den Boxen, die er ums Bett herum stehen hatte, drang eine energiegeladene Frauenstimme. Er hörte ihr eine Weile zu, da er nichts anderes tun zu können glaubte: „J’ai presque chaud dans ton lit, sous la couverture de laine. Eteins la lampe qui me gène et viens prês de moi t’en pris …“
Als Suzannes Atem regelmäßig und tief wurde, lockerte sich ihr Griff, und er bekam seine rechte Hand frei. Vorsichtig fuhr er die Linien ihrer Schulterblätter nach, an den dünnen Trägern des Unterhemdes hinunter und über die zarte Wölbungen ihrer Brust. Suzanne reagierte nicht auf seine Liebkosungen. Plötzlich aber, nach einigen Minuten, fing sie, ohne die Augen zu öffnen, an, um sich zu schlagen und mit geschlossenen Lippen zu stöhnen.
Leise fragte er, was sie derart verschrecke, bekam aber als Antwort nur ein undeutliches Gemurmel, das zu verstehen er nicht in der Lage war. Er wiederholte seine Frage, irritiert über diese so gänzlich anders als geplant verlaufende Nacht. Doch machte ihm ihr Stöhnen deutlich, dass weniger er als einige Albträume ihre plötzlich gesteigerte Aktivität bedingten.
Im Beruhigen von Leuten – im Allgemeinen Lektoren und Redaktionsleiter – hatte er eine gewisse Übung. Die kam ihm in diesem Augenblick gut gelegen. Mit tiefstmöglicher Stimme und einem Tempo, das man bestenfalls als Larghetto bezeichnen konnte, redete er auf sie ein: Niemand könne ihr irgendein Leid zufügen, solange er bei ihr sei; er hielte Wacht; alles sei gut.
Wahrscheinlich war es mehr der Ton seiner Worte als deren Inhalt, der sie ruhig werden ließ, doch sie hörte auf, um sich zu schlagen. Sie wälzte sich noch eine Weile von einer Seite auf die andere und blieb schließlich zusammengerollt neben ihm liegen, den unteren Arm angewinkelt, den oberen an ihren verschwitzten Körper gepresst.
Stephan hingegen, zugleich verwirrt und verunsichert, zog sich unter der Decke hervor und zündete eine Kerze auf dem Nachttisch an. Nachdenklich betrachtete er jenes Wesen, dem er am Bahnhof begegnet war, um es nach Paris zu bringen und das nun in seinem Bett seine Nachtgesichter ausschwitzte. Sie roch nach Schweiß, nach einem herben Parfüm und nicht zuletzt nach dem Knoblauch der Lasagne. Sie lag da, als wolle man Aufnahmen für irgendeine Kinoillustrierte von ihr machen, unter dem weißen, spitzenbesetzten Unterhemd wölbte sich ihre birnenförmige Brust, deren dunkle wallnussgroße Rosen leicht durch den dünnen Stoff schimmerten.
Vorsichtig fuhr er mit seinen Fingern durch ihr Haar, dann blies er die Kerze aus und legte sich zurück zu ihr. Er lag lange wach, lauschte dem Regen, der gegen sein Fenster prasselte, und hing seinen Gedanken nach.
6
Gegen Morgen erwachte er. Kälte durchzog ihn, die sich von den Fußspitzen ausgehend bis zu den Schultern breitmachte. Suzanne hatte sich endgültig der Decke bemächtigt und sich so fest in sie eingemummelt, dass er ohne Gewaltanwendung keine Chance hatte, ein Stück davon zurückzuergattern. Hatte er sich am Abend gefragt, warum Suzanne geblieben sei, stellte sich ihm die Frage heute Morgen andersherum: Was wollte er von ihr?
Er dachte über die Zeit nach, die sie sich mittlerweile kannten, über alle gemeinsamen Aktivitäten, ihr Schweigen, über den vergangenen Abend, der auf seine Weise ihrer Chronologie die Krone aufsetzte. Und je länger er nachdachte, desto klarer wurde ihm, sie hatten die ganze Zeit nach Suzannes Regeln gespielt. Sie trafen sich, sobald sie Lust hatte, taten, was ihr angenehm war zu den Zeiten, die sie bestimmte, und teilten nun sogar das Bett auf ihre Weise.
Ohne sich etwas überzuziehen, ging er in die Küche und kochte sich einen Kaffee. Der Duft von frisch aufgebrühten Bohnen füllte den Raum und stimmte ihn versöhnlicher mit sich selbst. Er horchte auf das asthmatische Röcheln der Kaffeemaschine und das sich dagegen leise ausnehmende Plätschern des Wassers, das sich den Weg vom Filter in die Kanne bahnte. Es tat ihm gut, dass der Kaffee weitertropfte, nachdem der Apparat das letzte Wasser erhitzt hatte. Dieses leise, gleichmäßige Geräusch der einzelnen Tropfen war das, was er in dieser Situation brauchte.
Langsam füllte er seine Kaffeeschale. Der Kaffee dampfte friedlich vor sich hin, während er die Schale mit beiden Händen umgriff. Er sog den würzigen Duft in sich auf. Nur der Kühlschrank summte noch. Es war Sonntagmorgen und er wahrscheinlich der Einzige in der ganzen Stadt, der jetzt bereits wach war.
Etwa eine Stunde später tauchte Suzanne in der Küche auf. Sie war vollständig angezogen und errötete, als sie ihn noch immer so herumsitzen fand, wie er aus dem Bett gekrochen war. Zielstrebig ging sie zum Waschbecken und fing an, sich einen Becher wieder und wieder mit Leitungswasser zu füllen und in sich hineinzuschütten. Das alles war ihr sichtlich peinlich: die Nacht, ihr Brand, sein Aufzug. Ihr Mut, den sie sich gestern angetrunken hatte, war einer Unfähigkeit gewichen, mit der neuen Situation umzugehen. Es war ihr erster gemeinsamer Morgen und er lief ab, als hätten sie sich am Abend zuvor erst kennengelernt einen One-Night-Stand hinter sich gebracht. Stephan ärgerte sich, ohne eine triftige Ursache in ihrem Verhalten dafür bezeichnen zu können. Letztendlich verfluchte er seine eigene Passivität, mit der er alles geschehen ließ.
„Ich bin wütend auf dich“, sagte er schließlich, um sich Luft zu machen.
Suzanne sah ihn kurz an und heftete ihren Blick auf den Fußboden, ohne einen Ton zu sagen. Er hatte den Eindruck, dass sie sich für alles Mögliche schuldig fühlte und zwar in einem Ausmaß, das weit über seine Absicht hinausging. Sie war ihm gegenüber zu nichts verpflichtet, dann hätte sie aufbegehren können. Ihr Schuldigsein ging tiefer, und ihm wurde klar, er hatte mit dieser Bemerkung etwas ausgelöst, was am Fundament ihres Selbstbewusstseins kratzte: Sie fühlte sich schuldig an sich selbst, paradoxerweise, denn ihm ging es ja genauso. Hatte Suzanne sich durch ein Übermaß an Alkohol zu überlisten versucht, so hatte er seine Bedürfnisse hinter einem Schein von Selbstlosigkeit so lange zurückgehalten, bis sich die geballte Ladung Aggressionen ihren Weg ins Freie bahnte. Nun war ihrer beider Spiel aufgeflogen und es tat weh, durch den anderen mit sich selbst und seiner Bodenlosigkeit konfrontiert zu sein.
„Tut mir leid“, meinte sie schließlich.
Das gab ihm den Rest. Er hasste es, sie so in sich verkrochen zu sehen. Er hätte sie schütteln mögen, sie anschreien, um sie dazu zu bringen, sich gegen ihn zu wehren. Er tat nichts, starrte nur seinerseits in seine Kaffeeschale.
„Willst du auch einen Kaffee?“, fragte er. Sie nickte. Als er aufstand, um eine neue Kanne aufzusetzen, zog sie sich von seinem nackten Körper zurück, peinlich darauf achtend, jede auch nur zufällige Berührung zu vermeiden.
„Können wir miteinander reden?“, fragte er sie, während er lustlos einige Löffel Kaffee in den Filter schaufelte.
„Könntest du dir vorher etwas anziehen?“, gab sie zurück.
Er nickte, sein Gesicht unbewegt, stellte den frisch gefüllten Filter auf die Kanne und schaltete das Gerät ein, das sofort mit seinem wütenden Röcheln begann. Er hatte nichts dagegen, die Küche für einen Moment zu verlassen. Sein Ärger war längst zusammengeschmolzen und einer unangenehmen Unsicherheit gewichen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er sich dieser Frau nähern konnte.
Langsam suchte er seine Kleider zusammen. Er dachte über eine passende Eröffnung der bevorstehenden Diskussion nach, hatte sich in den Kopf gesetzt, endlich Abschied von seiner rein passiven Rolle innerhalb der Beziehung zu nehmen.
Suzanne musste sich ähnliche Gedanken gemacht haben. Als er in die Küche zurückkam, fuhr sie ihn scharf an: „Was willst du eigentlich?“
Das war nicht das, womit er gerechnet hatte. Aber ihm war auch nicht danach zumute, als Angeklagter auf die Bank gesetzt zu werden.
„Ich will wissen, woran ich bei dir bin“, gab er zurück. „Im Laufe der Zeit habe ich mich an etliche deiner Marotten gewöhnt. Du hast deine Spielregeln aufgestellt und ich habe sie geschluckt, ohne groß drüber nachzudenken. Heute Nacht habe ich …“ Er hielt inne.
„Ach komm!“ Suzanne sah ihn herausfordernd an. „Du bist sauer, weil jemand andere Regeln aufstellt, als du sie gewohnt bist. Da begegnest du einem Menschen, der nicht deinen Klischees entspricht und schon verstehst du die Welt nicht mehr. Die Frauenbewegung ist scheinbar spurlos an dir vorbeigegangen. Wir machen nicht mehr gleich bei der ersten Gelegenheit die Beine breit, nur um einen Typen zu halten.“
„Du hast also keinen Augenblick an Sex gedacht, und wolltest trotzdem in meinem Bett übernachten?“
„Warum denn nicht? Ich denke, wir sind Freunde. Und außerdem: Wenn du wirklich Lust hattest, mit mir zu schlafen, warum hast du mich dann nicht gefragt? Ich wollte einfach nur in deiner Nähe bleiben und nicht noch mal raus in den Regen. Bei dir habe ich mich geborgen gefühlt. Dein Bett sah so gemütlich aus.“
Stephan runzelte die Stirn. „Geborgenheit stelle ich mir anders vor. Als ich versuchte, dich zu streicheln, hast du gezittert, als ob du kurz vor einer Panik standest.“
Er sah sie an, ihr langes, noch vom Bett verstrubbeltes Haar, ihr bleiches Gesicht, die roten Flecken auf ihren Wangen. Ihre Augen versuchten zu blitzen.
„Scheiße, lass mich in Ruhe.“
„Jedes Mal, wenn ich mich mit dir treffen wollte, hast du getan, als hättest du es mit einem potenziellen Notzuchtverbrecher zu tun. Irgendwie hast du es immer geschafft zu vermeiden, dass ich auf deine Bude komme. Und bis du dich darauf eingelassen hast, mich hier zu besuchen, hat es auch ein halbes Jahr gedauert. Überall hast du dich mit mir verabredet, nur nicht zu Hause. Gut, beim ersten Treffen konnte ich das verstehen. Aber einen ganzen Sommer lang?“
Sie wirkte müde und traurig.
„Musst du unbedingt versuchen, mich zu analysieren?“
„Kannst du nicht verstehen, dass mich interessiert, wer du bist?“
„Dann frag mich doch, statt dir den Kopf vollzuspinnen.“
„Und? Würde ich eine Antwort von dir bekommen?“
Sie schleuderte ihm einen wütenden Blick entgegen.
„Was weißt du schon davon, wie es ist, mit dieser ständigen Angst im Bauch zu leben? Wenn du das Gefühl hast, dass alle nur auf deinen Busen, deine Beine, deinen Arsch schauen und sich fragen, ob du wohl leicht rumzukriegen seist. Ob du dich wehren würdest. Oder schreien …“
Vorsichtig ging er auf sie zu und versuchte, sie in die Arme zu nehmen.
„Ach, lass mich in Ruhe“, murmelte sie und ging aus der Küche, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. Er folgte ihr und sah, wie sie ihre Sachen zusammensuchte. Sie nahm das Band mit den Chansons aus dem Rekorder, hielt es einen Moment in der Hand, als wisse sie nicht genau, was sie damit anfangen solle, legte es aber an seinen Platz zurück. Als sie merkte, dass er sie beobachtete, schaute sie ihm mit festem Blick in die Augen, ohne einen Ton zu sagen. Steif ging sie an ihm vorüber in den Flur, nahm ihre Jacke und verschwand.
Vom Flurfenster aus konnte er sehen, wie sie die Straße hinauf in Richtung S-Bahn schritt, in ihrer ganzen Haltung eine stolze Frau, deren Grenze der Privatsphäre er verletzt hatte. Ihr Haar war noch immer offen und zerzaust, so, wie sie aus dem Bett gestiegen war.
Lange stand er dort am Fenster und starrte vor sich hin. Auf dem Spielplatz gegenüber spielte ein kleines Kind mit einem roten Luftballon. Er sah ihm eine Weile zu, denn das Lachen auf dessen Gesicht tröstete ihn ein wenig.
Auf einer Bank saßen zwei alte Männer, einer von ihnen hielt eine Zweiliterflasche Lambrusco in seiner Hand.
Durch die Fensterscheibe drang ein leiser Knall. Das Kind weinte. Er drehte sich weg, ihm war elend zumute.
Sie hatte ihre Bilder bei ihm liegen gelassen. Er nahm die Aufnahmen in die Hand, schaute sich noch einmal ein paar von ihnen an. Sie war schön, nicht oberflächlich, geschminkt, sondern aus sich heraus. Sie lachte, als kokettiere sie mit den Fotografen. Sie war in Bewegung. Selbst, wenn sie am Schreibtisch saß, merkte man, etwas ging in ihr vor, sie dachte, ihr Intellekt war unterwegs in anderen Sphären. Sie war lebendig.
Er breitete die Fotos auf dem Wohnzimmertisch aus. Jetzt sah er, dass es zwei Arten von Bildern gab: die von der jungen Suzanne, die vor Leben sprühte, und die späteren, statischen. Das Zentrum dieser Veränderung waren die Aufnahmen aus Griechenland. Er verglich, sah sich dieses leblose Gesicht an, hielt die älteren Fotografien daneben und begriff nichts. Er fand einige Schnappschüsse, die während des fraglichen Herbstes auf Korfu aufgenommen worden sein mussten, aber auch auf ihnen keine Spur eines Schattens, stattdessen Licht, Sonne, üppiges Grün und dazwischen irgendwo sie, glücklich, prustend, Grimassen schneidend.
Dann das Bild vom toten Hasen. Auch hier waren im Hintergrund verschwommen Olivenbäume zu sehen. Suzanne musste die Kamera auf dem Boden abgestellt haben, dicht vor dem Gesicht des überfahrenen Tiers. Die Aufnahme wirkte liebevoll, fast zärtlich. Empathisch.
Er stand auf und ging zum Fenster, griff sich den Stadtkalender, um zu sehen, ob es irgendetwas für ihn zu tun gäbe. Aber es lief nur Unsinn im Kino, kein Film, der ihn auch nur ein wenig gereizt hätte.
So setzte er sich an die Schreibmaschine, nahm den Deckel ab und spannte ein Blatt ein. Aber ihm fiel nichts ein, was er schreiben konnte. Also erhob er sich wieder. Die Weinflaschen im Wohnzimmer waren leer. Er nahm die beiden Gläser, um sie in die Küche zu bringen. Eins der Gläser hatte einen Rotweinring auf der Holzplatte hinterlassen. Der Aschenbecher musste geleert werden. Aber das konnte er auch später noch erledigen.
Durch das Wohnzimmerfenster strahlte ihm die Septembersonne entgegen. Er zog sich seine Schuhe an, nahm seine Jacke und ging nach draußen, über den Spielplatz in Richtung Elbe. Er schlurfte mit den Füßen durch das erste Herbstlaub, das sich am Boden sammelte, hob ein Stück rotes, zusammengerolltes Gummi auf und spielte gedankenverloren damit, zerdehnte es zwischen seinen Fingern, hielt es vor ein Auge und betrachtete so die rosarote Welt. Er roch an seiner Hand. Sie stank, wie immer, wenn man zu lange mit Gummi gespielt hatte. Verärgert warf er den roten Fetzen weg.
Immer wieder kam ihm Suzanne in den Sinn, wie sie mit wehenden Haaren zur S-Bahn gegangen war, den langen, verwuschelten Haaren, die in der Nacht auf seiner Brust gelegen hatten. Dieses leichte, angenehm kühle Gefühl auf seinem Brustkorb, das er erst jetzt wahrnahm, weil er zuvor so sehr auf das fixiert gewesen war, was er nicht bekommen hatte. Er dachte an ihren Hals, die sanften Hügel ihrer Brust, den fast durchsichtigen Flaum auf ihrem Bauch, den ihr nach oben gerutschtes Unterhemd entblößt hatte.
Er erinnerte sich an ihre zweite Begegnung, in Paris an den Quais der Seine, als sie über die Kisten des Bouquinisten gebeugt stand, die Frühlingssonne von hinten ihrem Haar einen Glanz gebend, als würde ihr Kopf leuchten.
Die Nachmittage im Kino und ihre Spaziergänge barfuß über den Elbstrand. Verabredungen im Zoo oder im Tropengewächshaus von Planten un Blomen. Treffen, die so leicht waren, weil Suzanne und er sich nicht um Konversation zu bemühen brauchten.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich wieder gefangen hatte. Er war die Elbe flussabwärts nach Blankenese geschlendert. Die Sonne färbte den Fluss golden schimmernd, der Himmel tönte sich hellrot. Über seinen Gedanken hatte er die Zeit vergessen.
Er hatte es sich nie eingestanden, merkte jetzt aber überdeutlich, dass ihm diese Frau mehr bedeutete als je ein Mensch zuvor. Traurig fuhr er zurück zu seiner Wohnung, ging ans Telefon, hielt den grauen Apparat unschlüssig in der schwitzenden Hand. Schließlich gab er sich einen Ruck, nahm den Hörer auf und wählte. Aus der Muschel, die leicht sein Ohr berührte, kam das gleichmäßige Tuten des Freizeichens.
Endlich hörte er ihre wohlvertraute Stimme.
„Ich bin’s“, sagte er zögernd.
Schweigen.
„Ich wollte mich entschuldigen.“
„Wofür?“
„Ich glaube, ich habe mich … ich habe noch deine Bilder und wollte fragen, ob du … Weißt du, als du heute Morgen davongezogen bist, habe ich gemerkt, wie wichtig du mir geworden bist im letzten halben Jahr. Ich hab mir das nie klar gemacht, aber …. Ich freue mich, wenn ich dich sehen kann, bin ausgelassen, wenn ich nach Hamburg komme und weiß, da ist Suzanne und ich kann mit ihr durch die Gegend ziehen und muss mir nicht den Kopf zerbrechen, was ich sagen soll, und all das. Verstehst du?“
Eine Weile blieb es am anderen Ende der Leitung ruhig. Dann fragte sie: „Und jetzt? Wie soll das weitergehen mit uns?“
„Willst du denn, dass es weitergeht?“
Wieder war eine Zeit lang nichts zu hören als ihr Atem, ruhig und gleichmäßig.
„Ich hätte am Freitagabend Zeit“, sagte sie schließlich.
„Freitagabend erst?“
„Wir müssen miteinander reden. Kommst du zu mir? So gegen acht?“ Sie gab ihm ihre Adresse und legte auf.
7
Suzanne wohnte in einer Dachwohnung im vierten Stock eines Backsteinbaus im Zentrum von Harburg. Ihre Bleibe bestand aus zwei Räumen. In dem einen, welches sie als Schlaf- und Arbeitszimmer nutzte, befanden sich ihre Matratze sowie ein Schreibtisch, ein Bücherregal und ihre Stereoanlage. Die Küche enthielt ein Vorratsregal für ihre diversen Gläser und Töpfe, einen Hängeschrank für ihr Geschirr und einen großen Kiefernesstisch. An der Schräge der Küchenwand hatte sie ein Filmposter, „Out of Africa“, angebracht, von der Decke hing eine altmodische Hängelampe, deren Drahtschirm sie vom Stoffbezug befreit und mit Wolle umflochten hatte. Es gab kaum Blumen, eine halb vertrocknete Primel fristete ihr Dasein auf dem Fensterbrett der Küche, im anderen Zimmer stand eine Yucca auf dem Fußboden und reckte sich nach dem durchs Fenster einfallenden spärlichen Licht.
Beide Fenster gingen auf einen kahlen Hinterhof. Sie konnte schräg unter sich auf die gegenüberliegenden Wohnungen sehen, gardinenverhängte, triste Behausungen, die ihre gesamte Öde nur offenbarten, wenn frühmorgens gelüftet und die Vorhänge zu diesem Zweck beiseitegeschoben wurden. Ein Ausblick, der durch die freie Sicht über die Dächer des Viertels eine gewisse Boheme-Atmosphäre bekam und der Wohnung einen eigenartigen Reiz verlieh.
Während Suzanne in der Küche kochte, besah Stephan sich ihre Plattensammlung: Ein paar französische Top-Ten-Scheiben waren darunter, Rita Mitsouko, Niagara, Patrick Bruel; daneben Stings „…nothing like the sun“, „Out of time“ von R.E.M. – einer Formation, die damals gerade mit dem Song „Loosing my religion“ die Hitparade stürmte – und einige Platten einer Gruppe namens Prefab Sprout, von denen er noch nie gehört hatte.
In ihrem Bücherregal befanden sich etliche Lexika, Wörterbücher und ein paar Romane von John Irving, teils auf Französisch, teils im Original. Das „Hotel New Hampshire“ sogar in beiden Sprachen, so, als habe sie sich zunächst die französische Version besorgt, später aber aus lauter Begeisterung noch das englische Original erstanden, um die letzten Feinheiten, die bei der Übersetzung normalerweise verloren gingen, zu erfassen.
Neben ihrer Matratze lagen eine alte Nummer des Cosmopolitan und einige Ausgaben des Mitteilungsblatts von Amnesty International. Er nahm sich ein Heft und blätterte darin herum.
„Machst du da mit?“ Er ging in die Küche und zeigte ihr seinen Fund.
„Hab’ mal. Aber ich habe mir die Arbeit anders vorgestellt. Zu viel Bürokratie.“
„Und jetzt? Machst du noch irgendetwas Politisches?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe mit Aikido angefangen … Wenn das hier in Deutschland so weitergeht mit den Nazis, ist das politisch genug.“
„Warum Aikido?“, fragte er.
„Die Idee ist, die Kraft des Gegners abzulenken und gegen ihn selbst zu richten. Ihn dazu zu bringen, sich mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ich finde, das ist ein ganz brauchbarer Ansatz.“
Suzanne holte eine Flasche Weißwein hervor und zündete einige Kerzen an, die sie auf einen fünfarmigen Leuchter gesteckt hatte und die den Raum in ein weiches Licht tauchten. Sie zitterte, nicht so stark wie damals in der Kajüte, aber doch deutlich erkennbar. Schweigend setzten sie sich und aßen. Sie hatte eine gefüllte Brietorte aus dem Backofen geholt und für den Nachtisch eine Tarte Tatin, eine Art Apfelkuchen vorbereitet.
„Ich glaube, ich muss dir etwas erklären“, sagte sie, „aber es ist nicht leicht für mich. Hör einfach zu, und frag nicht groß, okay?“
Er nickte.
„Vor drei Jahren wollte ich mit Julie, meiner besten Freundin, zusammen nach Griechenland fahren. Kurz vor Reisebeginn sprang sie ab, weil sie sich unsterblich in einen Politologen verliebt hatte und sich nicht vorstellen konnte, länger als ein paar Stunden von ihm getrennt zu sein.
So fuhr ich also allein gen Süden. Ich wollte mir eine kleine gemütliche Pension suchen und war kreuzunglücklich, als ich auf dem touristenüberlaufenen Korfu ankam. Ich hatte mir alles so rustikal, so urtümlich vorgestellt und nun wimmelte es von Fremden, die alle Pensionen hoffnungslos überfüllten. Ich hätte heulen können.
Na ja, ich nahm notgedrungen ein Hotelzimmer in Roda. Zwar waren alle sehr nett dort, aber es war eben nicht das, was ich wollte …“
